„Wir müssen Tempo und Qualität des Waldumbaus deutlich erhöhen“

Der Jurawald besitzt eine vorbildliche Baummischung: rund 100 Jahre alter Buchenbestand, angereichert mit Lärche, Weißtanne und Fichte, mit hohem Wertholz- und Bauholzanteil sowie hoher biologische Wertigkeit und Stabilität – Foto: Erwin Engeßer

Unsere Wälder sind Kulturwälder. In der Forstwirtschaft muss mehrere Jahrzehnte in die Zukunft gedacht werden. Vor allem heute, da die Klimaerwärmung die Lebensbedingungen unserer Bäume verändert. Es muss mit Weitblick dafür gesorgt werden, dass unsere Wälder nicht kollabieren und auch künftige Generationen den Rohstoff Holz ernten und nutzen können. Aber wie?

Interview mit Erwin Engeßer

 

ÖkologiePolitik: Herr Engeßer, brauchen wir eine „Forstwende“?

Erwin Engeßer: Ja und nein. Nein, weil eine „Forstwende“ im Sinne eines „weg von den Monokulturen“ schon lange praktiziert wird. In Bayern seit Ende des 19. Jahrhunderts. Großen Einfluss hatten hier die Lehre und das Buch des Münchner Waldbauprofessors Karl Gayer vom „gemischten Walde“. In der Nachkriegszeit setzte man zwar aus der Not heraus wieder im großen Stil auf die Fichte, aber an den forstlichen Fakultäten und Forstschulen wurde weiterhin der „gemischte Wald“ gelehrt. Während die Landwirtschaft durch Flurbereinigung, Pestizide, Kunstdünger und ausgefeilte Maschinentechnik rein auf Effizienz ausgerichtet wurde, enorme Erträge erwirtschaftete, Feldflur und Boden aber biologisch und ökologisch degradierte, passt im Wald – trotz der vielen fichtenreichen Bestände – die ökologische Seite noch ganz gut. In den 1980er-Jahren wirkten der Saure Regen und das sogenannte „Waldsterben“ in der Forstwirtschaft wie ein Katalysator für die weitere Ökologisierung des Waldes: Neben der Mischung wurde der Wald auch durch gezielte Anreicherung und Integration mit Naturschutzelementen – z. B. Biotopbäume, liegendes und stehendes Totholz – ökologisch verbessert und sein Boden humusreicher. Auf der überwiegenden Fläche in Deutschland wird heute eine solch naturnahe Forstwirtschaft praktiziert. Der Wald ist das biologisch intakte Drittel unseres Landes geblieben.

Und warum brauchen wir jetzt dennoch eine Forstwende?

Aufgrund der Klimaerwärmung und auch zum Klimaschutz müssen wir das Tempo und die Qualität des Waldumbaus deutlich erhöhen. Dazu brauchen wir eine Forstwende im Sinne einer viel intensiveren Hinwendung der Gesellschaft und der Entscheidungsträger zum Wirtschafts- und Klimaschutzobjekt Wald. Der Wald ist Hauptbetroffener der Klimaerwärmung. Andererseits kann ein intelligent gestalteter Zukunftswald in Deutschland erhebliche Klimaschutzleistungen erbringen. Jedem, der sich mit dem Thema „nachhaltige Zukunft“ auseinandersetzt, müsste klar sein, dass wir unsere Wirtschaft sehr viel mehr in eine Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie umbauen müssen. Und wo sollen die Rohstoffe für eine Bioökonomie herkommen? Hier spielt die Forstwirtschaft eine entscheidende Rolle. Gerade in so einer ressourcen-, energie- und CO2-intensiven Branche wie der Baubranche ist es wichtig, dass künftig möglichst wenig mit mineralischen und metallischen Baustoffen und möglichst viel mit Holz gebaut wird.

Wie wirkt sich die Klimaerwärmung auf den Wald aus?

2020 erweist sich als das dritte Trockenjahr in Folge. Seit 2016 befindet sich Mitteleuropa in einer Borkenkäferkalamität, die vor allem Fichtenbestände betrifft. In Deutschland werden die in den letzten 4 Jahren entstandenen Schadflächen auf 240.000 Hektar geschätzt. Diese Flächen sind sehr unterschiedlich mit Naturverjüngung bestockt. Auf einem Großteil dieser Schadflächen sind mindestens Ergänzungspflanzungen notwendig, um einen intakten Zukunftswald zu erhalten. Dies ist aktuell alles andere als einfach, weil die Böden zu trocken und die Schäden durch Wildverbiss zu hoch sind.

Was ist zu tun?

Mittelfristig müssen die 15- bis 50-jährigen Waldbestände mit hohen Fichten- oder Kiefernanteilen, aber auch monostrukturierten Laubholzbeständen klimagerecht gepflegt und durchforstet werden. Eine Daueraufgabe ist der planmäßige Umbau der älteren Reinbestände aller Baumarten in Mischbestände. Diese geregelte Verjüngung zu wertigen und schutzfähigen Mischungen dauert regelmäßig 20 bis 30 Jahre, also eine Menschengeneration. Wertige Waldbestände haben einen hohen Anteil von Bäumen mit Bauholz- bzw. Wertholzerwartung. Typische Bauholzbäume sind Weißtanne, Fichte, Douglasie, Kiefer und Lärche. Wertholzbäume sind vor allem Eiche, Ahorn, Kirsche, Nussbäume und Elsbeere. Während Nadelbäume von selbst ins Bauholz wachsen, ist die Erzielung von wertvollem Laubholz forstlich anspruchsvoll und aufwendig. Schutzfähige Wälder zeichnen sich nicht nur durch eine hohe Baumartenvielfalt, sondern auch durch eine üppige Struktur im Waldaufbau aus: Je mehr Stockwerke im Waldaufbau, desto besser ist der Schutz für Boden, Wasser und Biodiversität.

Ist denn aktuell genügend Holz für verstärkten Holzbau da?

Ja, Deutschland hat die höchsten Holzvorräte in Europa. Dazu ein markanter Vergleich: Schweden hat zwar ungefähr die 3-fache Waldfläche Deutschlands, aber insgesamt einen geringeren Holzvorrat in den Wäldern. Vor allem die fichtenreichen Wälder in Bayern und Baden-Württemberg beinhalten enorme Holzvorräte. Holzhändler aus der ganzen Welt sind scharf auf die geraden vollholzigen Fichtenstämme. Japaner und Amerikaner bauen z. B. aus bayerischem Fichtenholz Holzhäuser! Den meisten Deutschen ist gar nicht bewusst, welchen Rohstoffschatz für den Hausbau wir da aktuell vor unserer Haustüre haben. Allerdings haben Fichtenwälder biologisch keine Zukunft, weil es ihnen zu warm wird. Aufgrund der Borkenkäferschäden ist aktuell zu viel Holz auf dem Markt und in den nächsten 30 Jahren werden noch große Mengen Fichtenbauholz zur Verfügung stehen. Und deshalb sollte auch die Nachfrage nach Fichtenholz im eigenen Land durch entsprechende klimapolitische Weichenstellungen angekurbelt werden. Fichtenwälder in Holzhäuser zu verwandeln, wäre ein Super-Konjunkturprogramm für die heimische Volkswirtschaft mit zahlreichen Synergieeffekten.

Sollte das Holz auch zur Erzeugung von Energie genutzt werden?

Die stoffliche Nutzung von Holz muss absolut Vorrang vor der energetischen haben, weil hier die Wertschöpfung und die Klimaschutzeffekte um ein Mehrfaches höher sind. Eigentlich ist Holz zum Verbrennen zu schade. Aber kein Baum ist komplett stofflich nutzbar. Die Förster versuchen eine möglichst hohe Verwertungsquote als Bau- oder Möbelholz hinzubekommen. Im Normalfall werden lediglich schwaches bzw. Gipfelholz und fehlerhafte Stammteile als Brennholz vermarktet. Aktuell ist es ein großes Drama, dass gutes Bauholz aus Borkenkäferanfällen, das ja langfristig viel CO2 speichern könnte, wegen der überbordenden Schadholzmengen verbrannt werden muss. Beim Nadelholz und der gut gepflegten Eiche ist der Bauholz- und Wertholzanteil mit 60–80 % sehr hoch, bei der Buche dagegen mit 10–20 % sehr gering.

Wie sieht der ideale Wald aus?

Den idealen Wald gibt es nicht. Das hängt immer vom Standort und eben auch von den klimatischen Bedingungen, vor allem von den Niederschlägen, ab. Und da ändert sich ja gerade sehr viel und das sehr schnell. Ich war beruflich als Forstamtsleiter für die Jurawälder des Altmühltals zuständig – und die sind von der Mischung und Struktur durchaus vorbildlich. Die hier von Natur aus dominierenden Buchenwälder waren von den früheren Generationen mit Bauholz- und Wertholzbäumen angereichert worden. 15 Baumarten gibt es hier – eine Kombination aus Heimatbäumen wie Buche, Eiche, Weißtanne und Edellaubbäumen sowie aus Bauholzbäumen wie Fichte, Kiefer, Weißtanne, Lärche und Eiche. Der Baumarten-Mix zeugt von einer hohen Intelligenz früherer Generationen. Während in reinen Buchenwäldern auf mittleren Jurastandorten pro Hektar und Jahr 6–7 m³ Holz zuwachsen, wachsen im „angereicherten“ Jurawald 9–12 m³ Holz zu. Die Mischkultur und das Wachstum in den verschiedenen „Wald-Stockwerken“ ermöglichen diesen Mehrzuwachs.

Worauf ist beim Waldumbau künftig vor allem zu achten?

Das tragende Fundament müssen Baumarten sein, die der Klimaerwärmung gewachsen sind. Nur gemischte Wälder, die aus mindestens 4 bis 6 überwiegend heimischen Hauptbaumarten bestehen, sind stabil, risikoarm und zukunftsfähig. Da für den Klimaschutz das Bauen mit Holz sehr wichtig ist, brauchen wir Baumartenmischungen, die möglichst viel Bauholz produzieren. In Deutschland sind aufgrund der Flächenknappheit großflächige Erstaufforstungen zwar nicht mehr möglich, doch sehr gut möglich ist eine großflächige Erhöhung der Holzvorräte durch eine intelligentere Baumarten-Zusammensetzung. Die ausgeklügelte Mischung der Jurawälder kann hier wegweisend sein.

Und die Fichte wird verschwinden?

Ein Fichten-Anteil von 40 %, wie wir ihn heute haben, wird es künftig sicherlich nicht mehr geben. Die Fichte kommt natürlich im Gebirge vor und ist eher an kühlere Klimate angepasst. Mit der prognostizierten Klimaerwärmung von 1,5–3,0 Grad kommt sie nicht annähernd zurecht. Lediglich in nord-exponierten Lagen oder in kalten Mulden wird sie sich im Flachland noch halten können.

Welche Baumarten können die Fichte als Bauholz ersetzen?

Die heimische Weißtanne eignet sich hierfür gut und sollte künftig wieder einen wesentlich höheren Anteil erhalten, außerdem die ursprünglich aus Nordamerika stammende Douglasie. Sie ist vom Wachstum her unseren heimischen Baumarten überlegen. Sie kommt mit höheren Temperaturen zurecht und produziert viel Bau- und Wertholz. Ihre guten Wuchseigenschaften entfaltet sie vor allem in Kombination mit der Buche. Als fremdländische Baumart sollte ihr Anteil allerdings nicht über 20 % betragen. Und je nach Standort und Lage sollten zusätzlich Lärche, Kiefer und Schwarzkiefer als Bauholzproduzenten beteiligt werden. Abgerundet werden kann die Oberschicht des Waldes mit der Eiche und Edellaubbäumen. Forstwissenschaftler testen auch schon weitere Baumarten aus wärmeren Regionen wie Zedern, Baumhasel und Esskastanie. Generell ist aber ganz wichtig, dass die Wälder mit möglichst viel Buche unterfüttert sind.

Warum ist die Buche so wichtig? Und wird sie der Klimaerwärmung standhalten können?

Die Buche – genauer: die Rotbuche – ist aus rein biologischer Sicht die wichtigste Baumart in Deutschland. Sie trägt die heimische Biodiversität. Von den Vegetationskundlern wissen wir, dass von Natur aus 90 % der Fläche in unserem Land mit Buchenwäldern bedeckt wären. Die Buche kommt mit einem Temperaturanstieg von 2 Grad noch gut zurecht. Sie wird als „Mutter des Waldes“ bezeichnet, weil sie als Schattbaumart den Waldboden in mehreren „Schutzhüllen“ übereinander bedecken kann und so auch für optimalen Wasserschutz sorgt. Unsere Vorfahren haben erkannt, dass die Buche auch die ideale Eigenschaft hat, die Stämme von beigepflanzten Nutzholzbäumen durch die Beschattung mehr oder weniger – je nach Baumart – astrein zu machen. 2019 wurde öfter von Hitzeschäden auch in reinen Buchenwäldern wie z. B. im Buchennationalpark Hainich in Thüringen berichtet. Auch für Buchenreinbestände gilt, dass sie anfälliger sind als Mischbestände. Die Anreicherung von reinen Buchen-Verjüngungen mit Bauholz- und Wertholzbäumen ist daher nicht nur von der Nutzungsseite her vorteilhaft, sondern auch sehr wichtig für die Klimastabilität dieser Waldbestände.

Herr Engeßer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
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Buchtipp

Dr. Ulrich Sauter
Generationenvertrag Wald
Verantwortung und Leidenschaft
Kunstverlag Schweineberg, März 2020
196 Seiten, 29.00 Euro
978-3-943431-09-4
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Onlinetipps

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Gebäude können zu einer globalen CO2-Senke werden – mit dem Baustoff Holz statt Zement und Stahl
Pressemitteilung, 27.01.2020
www.t1p.de/56aj

Erwin Engeßer
Jurawälder – Vorbild für die Forstwirtschaft
ÖkologiePolitik, 07.10.2019
www.t1p.de/h3kv

Dr. Herbert Borchert, Florian Renner
Holzaufkommen in Bayern unter Berücksichtigung des Waldumbaus
Vortrag, 12.09.2017
www.t1p.de/ij55
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Erwin Engeßer

Jahrgang 1957, studierte Forstwissenschaften und arbeitete anschließend vier Jahrzehnte lang bis 2019 als Forstbeamter bei der Bayerischen Forstverwaltung und den Bayerischen Staatsforsten, davon 24 Jahre am Forstamt bzw. Forstbetrieb Kelheim, zuletzt als dortiger Betriebsleiter. Schwerpunkt seiner Aufgabe war die naturschutzgerechte Waldbewirtschaftung in den Jurawäldern des Naturparks Altmühltal. Seit 1993 ist er Mitglied der ÖDP.

 

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