Interview: „Commons sind Gestalter lokaler Identitäten“

Gemeinschaftsgarten im Hinterhof eines typischen Gründerzeit-Baublocks in Berlin-Wedding - Foto: Günther Hartmann

Der Begriff „Heimat“ hat Konjunktur. Rechtspopulisten fürchten ihren Verlust und setzen auf Abgrenzung und Stärkung „nationaler Identität“. Die Bundesregierung reagierte mit einem „Heimatministerium“. Doch was ist Heimat überhaupt? Ein deutscher Autor und Publizist hat sich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

ÖkologiePolitik: Herr Schüle, was haben die Commons mit Heimat zu tun?

Christian Schüle: Hängt man keinem rechtsnationalen Heimatverständnis an, das auf dem Glauben an „Blut und Boden“ basiert, sondern betrachtet Heimat als einen dynamischen kulturellen Prozess, bei dem es vor allem um ein Gefühl von Vertrautheit und Vertrauen geht, dann liefert das stark wachsende Commons-Netzwerk dafür einen wertvollen Beitrag. Es geht den Commonisten weder um plumpe Heimattümelei noch um Kommunardentum im Sinne eines ideologischen Sozialismus, sondern um konkretes gemeinschaftliches Tun in mikrosozialen Gemeinschaften. Da werden keine geschlossenen Ideologien und Weltbilder propagiert, es wird nicht fragmentiert, nicht abgegrenzt und nicht ausgegrenzt. Stattdessen steht das Wir  im Mittelpunkt, die Begegnung, die gegenseitige Wertschätzung, das Miteinander. Diese meist jungen Menschen teilen sich die Commons, die vorhandenen Grundgüter, und treffen an ihren Orten auf Gleichgesinnte. Sie verschieben die Grenzen der eigenen Privatsphäre zugunsten einer Kooperation mit denen, die gerade da sind. Somit zielen sie auf immer wieder neu anzustoßende Prozesse sozialer Verbindung. Und daraus entsteht ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit – und das unabhängig von sozialer und ethnischer Herkunft.

Welche kulturelle, gesellschaftspolitische Bedeutung haben die Commons?

Obwohl sie alles andere als theorielastig sind, stellen sie eine radikale Gesellschaftskritik dar: Die Quartiere der Commons sind investorenfreie Räume. Dem Prinzip Abschöpfung steht das Prinzip Wertschöpfung gegenüber, dem Ich-Atom die Wir-Gruppe. Dabei ist jeder willkommen. Egal ob Handwerker oder Akademiker, ob Einheimischer oder Zugezogener oder Geflüchteter: Jeder hat einen unterschiedlichen Background und unterschiedliches Wissen, das er einbringen kann. Verschiedenheit wird begrüßt und als Bereicherung empfunden, Individualität nicht in ein Kollektiv gepresst. Je vielfältiger die Gemeinschaft, desto lebendiger, kreativer und robuster ist sie. Die Commons-Bewegung basiert auf Strukturen, die das ökonomische System der Steigerung nicht mehr hervorbringt oder nicht mehr hervorbringen will. Bei den Commonisten geht es um Kooperation und Prozess, nicht um das messbare Produkt. Der Prozess ist das Produkt.

Die Commons bilden also einen Gegenpol sowohl zum Neoliberalismus als auch zum Rechtspopulismus?

Ja, denn beide stellen das Konkurrenzprinzip über das Gemeinwohl: Im Neoliberalismus zerfällt die Gesellschaft in konkurrierende Wirtschaftsunternehmen – vom Großkonzern bis hinunter zur Ich-AG. Im Rechtspopulismus zerfällt die Weltgemeinschaft in konkurrierende Nationen. Doch die Nation ist eine abstrakte und höchst fragwürdige Idee. Deutschland hat sich im Lauf der Jahrhunderte ständig verändert und war vom frühen Mittelalter bis heute auch immer das Resultat großer ungesteuerter Migrationsprozesse. Das „Deutsche an sich“, eine Art deutsche nationale Essenz, gibt es nicht. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse stellt der Idee einer nationalen Identität die regionale Identität gegenüber. Man kann diesen Ansatz weiterdenken und lokale Identität als Kern heimatlicher Geborgenheit identifizieren. Und die Commons als Träger und Gestalter lokaler Identitäten.

Worin unterscheiden sich Commons von anderen Formen gesellschaftspolitischen Protests?

Nicht ein abstraktes „Gegen etwas Sein“ steht im Mittelpunkt, sondern ein konkretes „Für etwas Sein“ bzw. ein „Etwas Tun“. Das Werden, der Vorgang der Fabrikation, der Prozess der Herstellung erhalten einen weit höheren Stellenwert als das bereits hergestellte, verkaufbare und nach Gebrauch zu entsorgende Gut. Je größer Mitspracherecht und Eigenverantwortung des Einzelnen, desto höher seine Motivation und Identifikation. Jeder hat dann Verantwortung; und aus Verantwortung entsteht Vertrauen, aus Vertrauen entsteht Geborgenheit, aus Geborgenheit schließlich Heimat. Das Brauchen und Gebrauchtwerden – das „Brauchtum“ sozusagen – bilden einen sozialen Kitt. Und daraus entwickelt sich auch ein realer Gewinn, allerdings nicht in Form von mehr Geld, sondern von mehr Lebensqualität. Das Gefühl, angewiesen zu sein, nicht austauschbar, überflüssig, unnütz zu sein, ist die Keimzelle für Solidarität, Loyalität und Engagement. Hier trifft sich die Sehnsucht des zeitgenössischen Individuums nach Schutz und Sicherheit mit der Gestaltung der Gemeinschaft.

Wenn die Zahl der Commons stetig weiterwächst: Wo führt das hin?

Bei dieser Art der Wertschöpfung geht es um Sinnstiftung. Um kulturellen und sozialen, nicht um den rein ökonomischen Mehrwert. Offenbar besitzt diese andere Form der Wertschätzungsproduktion für immer mehr junge Menschen eine hohe Attraktivität. Der Kultur- ist auch ein Mentalitätswandel, er ist eine Werteverlagerung. Neue Bewegungen wie der Commonismus transformieren Arbeit und Zeit in eine neue Form sozialer Beheimatung. Investiert wird in soziale Beziehungen und in Menschen. Weil in den superdiversen Städten der Zukunft Konflikte nur durch Konsens und konstruktive Gemeinsamkeit verhindert werden können, wird es auf die Fähigkeit ankommen, mit unvermeidbarer Diversität und Ambivalenz umgehen zu lernen. Zuständigkeiten müssen künftig stärker lokal und regional organisiert werden. Die Ideen der Commonisten weisen in die richtige Richtung.

Herr Schüle, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
.


Buchtipp

Christian Schüle
Heimat
Ein Phantomschmerz
Droemer, Mai 2017
256 Seiten, 19.99 Euro
978-3-426-27712-6
.

 

Christian Schüle

Jahrgang 1970, studierte Philosophie, Soziologie, Politische Wissenschaft und Theologie, arbeitete dann zunächst fünf Jahre bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und ist seither als freier Autor und Publizist tätig. Neben zahlreichen Essays und Reportagen veröffentlichte er bisher zehn Bücher, darunter 2017 „Heimat – Ein Phantomschmerz“. Seit 2015 lehrt er zudem Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

 

Weitere Beiträge von

 

Website: http://www.christianschüle.de