Interview: „Umdenken, Umsteuern und Umhandeln“

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Zahlreiche Produkte gehen kurz nach Ablauf der Garantie kaputt. Deshalb entstanden in letzter Zeit viele Reparatur-Initiativen. Sie betrachten sich als Teil einer gesellschaftlichen Bewegung für mehr Nachhaltigkeit, denn eine längere Produkt-Lebensdauer spart Ressourcen und vermeidet Müll. Im niederbayerischen Mainburg eröffnete das Repair Café vor zwei Jahren.

ÖkologiePolitik: Herr Wimmer, Sie sind Mitbegründer des Repair Cafés in Mainburg. Wie kam es dazu?

Bernd Wimmer: Entstanden ist die Idee bei einer Ortsversammlung der ÖDP Mainburg im Jahr 2015. Ein Jahr vorher hatte sich das Repair Café im benachbarten Landshut gegründet. Und in vielen Medien lasen wir Berichte über Nachhaltigkeit, Wegwerfmentalität und geplante Obsoleszenz, auch in der ÖkologiePolitik. Weil wir im Ortsverband viele aktive Mitglieder haben, fiel die Entscheidung für die Gründung des „MAI Repair Cafés“ nicht schwer – ganz im Gegenteil. Klar ist: Ein Repair Café kann nur mit Ehrenamtlichen an den Start gehen, die ihre Freizeit sinnvoll gestalten wollen und von der Idee überzeugt sind.

Wie lief die Gründung des Repair Cafés in Mainburg genau ab?

Wir haben vor der eigentlichen Gründungsversammlung eine Infoveranstaltung mit Gerda Ludwig vom Repair Café Landshut gemacht und die Idee in unserem ÖDP-Ortsverband vorgestellt. Sehr hilfreich war, dass unser „Chefreparateur“ Alois Zilker Vorstandsmitglied der ÖDP Mainburg ist. Am 22. Februar 2016 haben wir uns dann als gemeinnütziger Verein offiziell gegründet – mit vier ÖDPlern im Vorstand. Es waren an jenem Abend fast 40 Leute da. Und sage und schreibe 32 davon wurden spontan Gründungsmitglied. Mittlerweile sind wir auf 52 Mitglieder angewachsen. Rosi Brunschweiger ist zuständig für den reibungslosen Betrieb des Cafés. Rolf Delventhal unterstützt unser Vorstandsteam tatkräftig. Als Vorsitzender und Ideengeber koordiniere ich die gesamte Organisation, bin zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und die interne Kommunikation.

Welche Wirkung hat das Mainburger Repair Café bisher erzielt?

Die Idee breitet sich aus und steckt andere an. Im Landkreis Kelheim wurden nach unserer Pionierarbeit auch in Abensberg und in der Stadt Kelheim Repair Cafés gegründet. Bei denen durfte ich unterstützend Gründungsmitglied sein. Zwei weitere Repair Cafés im Landkreis Kelheim sind momentan in Planung. Interessant ist, dass jedes Repair Café seinen eigenen Stil hat. Es gibt natürlich viele grundlegende Gemeinsamkeiten, aber eben auch ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Was uns eint, ist das Selbstverständnis, nicht nur konkrete Reparaturaufträge abzuarbeiten, sondern den Besuchern nützliche Tipps zu geben und den Gedanken der Nachhaltigkeit aktiv zu stärken. Wir müssen wieder lernen, den Wert eines Alltagsgegenstandes wertzuschätzen und nicht gedankenlos zu kaufen und zu konsumieren.

Was passiert nun im Mainburger Repair Café genau?

Wir haben einmal im Monat an einem Sonntag in der Mainburger Stadthalle unseren Reparaturnachmittag. Dabei wird Fairtrade-Kaffee, Fairtrade-Tee und selbst gemachter Kuchen angeboten. Alles, was reparaturfällig ist und was man alleine tragen kann, sehen sich unsere Reparateure an. Die Kunden werden angehalten, während der Reparatur dabei zu sein und schon mal einen Schraubendreher selbst in die Hand zu nehmen. Unser Grundprinzip lautet: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Erfolgsquote liegt durchschnittlich bei rund zwei Drittel der gebrachten Geräte, d. h. diese können wieder funktionsfähig gemacht werden. Auch Gäste, die nichts zum Reparieren haben, sind willkommen.

Wie kommen die Reparaturnachmittage bei den Bürgern an?

Der Andrang war teilweise so enorm, dass unsere Reparaturannahme nach einer halben Stunde einen Annahmestopp verhängen musste. Deshalb haben wir inzwischen die Regelung eingeführt, dass nur ein Gegenstand pro Reparaturnachmittag und Person zugelassen ist. Grundsätzlich ist die Reparatur zwar kostenlos, wir bitten aber um Barspenden in ein Sparschwein. Auch über den Verkauf von Fairtrade-Kaffee, -Tee und Kuchen erzielen wir Einnahmen, mit denen wir dann die immer wieder notwendigen Anschaffungen finanzieren.

Bestätigten sich die Vermutungen, dass Obsoleszenz von den Herstellern oft bewusst geplant wird?

Diese Vermutung liegt bei so manchen Produkten tatsächlich sehr nahe. Ein Beispiel sind Computer-Netzteile, bei denen oft elektronische Kondensatoren – sogenannte „Elkos“ – verbaut werden, die nur für 85 °C Betriebstemperatur ausgelegt sind. Elkos für eine Betriebstemperatur von 105 °C wären wesentlich langlebiger und nur wenige Cent teurer, würden sich auf den Endpreis des Produkts also kaum auswirken.

Gibt es Produkte, die besonders hervorstechen?

Es sind vor allem neuere Maschinen und Elektrogeräte, die bei unseren Reparateuren immer wieder für großes Erstaunen sorgen. Konstruktionsbedingt ist eine vernünftige Reparatur oft nicht mehr möglich, weil z. B. das Gehäuse verklebt und nicht verschraubt ist. Eine defekte Netzleitung oder Verschleißteile wie Kohlebürsten lassen sich so nicht mehr effizient erneuern.

Gibt es eigentlich Hersteller, die geplante Obsoleszenz offen zugeben?

Eine geplante Obsoleszenz offen zuzugeben, kann sich keine Firma leisten. Jedoch sollte man die Nachricht, dass z. B. ein Smartphone-Hersteller für ein aktuelles Modell sowohl Updates als auch den Support einstellt, schon kritisch hinterfragen. Und wenn ein typisches Verschleißteil wie der Akku so in einem Gerät verbaut wird, dass man ihn nicht ersetzen kann, dann braucht es eigentlich gar kein Geständnis des Herstellers, dann ist die geplante Obsoleszenz offensichtlich.

Was waren bisher die skurrilsten Vorkommnisse?

Nicht unbedingt skurril, aber doch sehr erwähnenswert ist, dass ein Radiogerät vorbeigebracht wurde, dessen Neupreis um die 200 Euro betragen hatte. Dem Besitzer wurde im Fachgeschäft gesagt, dass die Reparatur mindestens 100 Euro kosten würde. Unsere Reparateure sahen sich das Gerät an, bauten lediglich ein Ersatzteil im Wert von nicht einmal 1 Euro ein – und das Gerät funktionierte wieder. Einmal konnten wir auch einen Uralt-Rasierapparat wiederherstellen. Die Freude beim Inhaber, einem Rentner, war riesig, als er ihn wieder funktionsfähig mit nach Hause nehmen konnte. Ein Highlight war auch ein von unseren Reparateuren erfolgreich in Stand gesetzter über 40 Jahre alter Radiowecker.

Was raten Sie jemandem, der ebenfalls ein Repair Café an seinem Heimatort gründen will?

Wichtig sind die rechtliche Absicherung, also die Berücksichtigung des Vereinsrechts, sowie Hinweise auf dem Formular bei der Reparaturannahme und die unabdingbare Haftpflichtversicherung für den Verein. Hier haben uns die Mitarbeiter von den Dachverbänden der Repair Cafés sehr geholfen. Man braucht anfangs unbedingt einen Grundstock von Aktiven und Gleichgesinnten, insbesondere von kompetenten Reparateuren. Man sollte sich von benachbarten Repair Cafés Unterstützung einholen und diese vorab besuchen. Von großer Bedeutung ist auch die Öffentlichkeitsarbeit, vor allem im Vorfeld der Gründung. Die entsprechenden Homepages der Dachverbände und Repair Cafés sind dabei eine große Hilfe.

Was kann und was sollte die Politik gegen geplante Obsoleszenz unternehmen?

Hilfreich wäre die tatsächliche Umsetzung einer Initiative der ÖDP Bayern: Auf dem letzten Landesparteitag in Hirschaid stimmten die Delegierten einer Forderung an den Gesetzgeber zu, die Garantiezeit für Haushaltsgeräte von 2 auf 5 Jahre zu verlängern. Und auch auf dem Bundesparteitag in Aschaffenburg votierten die Delegierten für diese Initiative. Das ist eine konkrete Maßnahme. Unbedingt notwendig wäre aber eine weitergehende Umstellung weg von der Besteuerung des Faktors Arbeit hin zu einer Besteuerung des Ressourcenverbrauchs – eine uralte, aber immer noch hochaktuelle politische Forderung der ÖDP. Die Reparatur im Fachgeschäft scheitert im Grunde an den zu hohen Kosten für die Arbeitsstunde hierzulande. Umgekehrt wird die massenhafte Herstellung von Konsumartikeln stark begünstigt durch die zu niedrigen Löhne in vielen Herstellerländern und die zu niedrigen Rohstoffpreise. Hier ist ein konsequentes Umdenken, Umsteuern und Umhandeln unabdingbar. Repair Cafés, von denen es bundesweit inzwischen offiziell rund 600 gibt, sind ein wichtiger Baustein, um dies ins Bewusstsein der Menschen und hoffentlich auch zur politischen Umsetzung zu bringen.

Herr Wimmer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
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Buchtipps

Silke Langenberg (Hrsg.)
Reparatur
Anstiftung zum Denken und Machen
Hantje Cantz, Februar 2018
432 Seiten, 25.00 Euro
978-3-7757-4397-6
.

Andrea Baier u.a. (Hrsg.)
Die Welt reparieren
Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis
Transcript, Oktober 2016
352 Seiten, 19.99 Euro
978-3-8376-3377-1
.

Wolfgang M. Heckl
Die Kultur der Reparatur
Goldmann, Januar 2015
240 Seiten, 8.99 Euro
978-3-442-17483-6
.
.

Stefan Schridde
Murks? Nein danke!
Was wir tun können, damit die Dinge besser werden
oekom, September 2014
256 Seiten, 19.95 Euro
978-3-86581-671-9
.

Christian Kreiß
Geplanter Verschleiß
Wie die Industrie uns zu immer mehr und immer schnellerem
Konsum antreibt – und wie wir uns dagegen wehren können
Europa, März 2014
240 Seiten, 18.99 Euro
978-3-944305-51-6
.


Links

anstiftung
Netzwerk Reparatur-Initiativen
http://www.reparatur-initiativen.de/
MAI Repair Café
www.reparatur-initiativen.de/mai-repair-cafe

Stichting Repair Café International
Repair Café
Wegwerfen? Denkste!
www.repaircafe.org/de/

Stefan Schridde
Murks? Nein danke!
Deine Stimme für bessere Haltbarkeit
http://www.murks-nein-danke.de/

Utopia
Geplante Obsoleszenz
17 Tipps gegen den gewollten Verschleiß
www.utopia.de/ratgeber/geplante-obsoleszenz/

Rémi Laurent
Geplante Obsoleszenz – Wo bleibt Europa?
Treffpunkteuropa, 17.01.2018
http://t1p.de/6xfk

Bernd Kling
Frankreichs Justiz ermittelt gegen Apple wegen verlangsamter iPhones
ZDNet, 09.01.2018
http://t1p.de/xh01

Christian Kreiß
Heute gekauft, morgen entsorgt
ARD-alpha, 2015, 45 Minuten
http://y2u.be/49dj-HwDq08

Thomas Pany
Geplante Obsoleszenz als Betrugsdelikt
Telepolis, 16.10.2014
https://heise.de/-3367976

Cosima Dannoritzer
Kaufen für die Müllhalde
Arte, 2011, 75 Minuten
http://y2u.be/zVFZ4Ocz4VA
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Bernd Wimmer

Jahrgang 1970, studierte Lehramt für Mathematik und Physik, arbeitet als Informatiker. In die ÖDP trat er 1994 ein, ist seit 2008 Ortsvorsitzender der ÖDP Mainburg und seit 2014 Mitglied im Bezirksvorstand der ÖDP Niederbayern. In Mainburg gründete er zudem die Fairtrade-Steuerungsgruppe, organisiert den regionalen Bauernmarkt und ist Vorstandsmitglied in der Ortsgruppe des Bund Naturschutz.

 

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Website: http://www.oedp-mainburg.de