Längere Nutzung bedeutet weniger Verbrauch


Nicht nur der Betrieb eines technischen Geräts verbraucht Energie, sondern auch dessen Herstellung. Die Herstellung braucht zudem wertvolle Rohstoffe. Die werden am Ende der Nutzungsphase manchmal zum Teil recycelt, manchmal auch gar nicht. Eine Verlängerung der Nutzungsphase ist also ein wirksamer Beitrag zur Rohstoff- und Energieeinsparung.

Defekte Dinge gehören nicht in den Müll, sondern repariert. Um diesen Gedanken ganz praktisch in die Tat umzusetzen, engagieren sich unzählige Menschen in ehrenamtlichen Reparatur-Initiativen. Inzwischen bieten rund 500 Projekte in ganz Deutschland praktische Hilfe zur Selbsthilfe. Reparatur-Initiativen organisieren Veranstaltungen, bei denen gemeinschaftlich repariert wird. Sie nennen sich z. B. „Reparaturtreff“, „Elek-tronikhospital“, „Café Kaputt“ oder „Repair Café“. Menschen mit defekten Alltagsgegenständen und wenig Reparaturwissen treffen auf solche, die reparieren können: Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, aber auch Textilien, Fahrräder, Spielzeuge und andere Dinge. Die nicht kommerziellen Veranstaltungen ver-
folgen das Ziel, die Nutzungsdauer von Gebrauchsgütern zu verlängern, Ressourcen zu sparen und Obsoleszenzstrategien zu unter-laufen.

Reparatur-Initiativen boomen
Gemeinsam repariert wird inzwischen fast täglich und fast überall in Deutschland. Die Anzahl der Reparatur-Initiativen in Deutschland ist seit 2014 von 40 auf 500 Initiativen gestiegen. Das bedeutet rund 5.000 Reparatur-Veranstaltungen im Jahr, 125.000 Reparaturversuche mit einer Erfolgsquote von 60 bis 70 %. Initiativen gründen sich in offenen Werkstätten, FabLabs, Kirchengemeinden, in Schulen, Mehrgenerationenhäusern und Seniorentreffs, in Umwelt-, Bürger- und Kulturzentren. Dabei handelt es sich keinesfalls nur um ein urbanes Phänomen. Reparatur-Initiativen finden sich in der Stadt genauso wie auf dem Land.

Erfüllende Freizeitgestaltung
Jedes reparierte Gerät ist eins weniger, das auf dem Müll landet und neu gekauft wird. Reparatur-Initiativen setzen sich durch den konkreten Akt des gemeinsamen Reparierens für einen veränderten Umgang mit unseren vorhandenen Ressourcen ein. Reparaturwerkstätten sind dabei aber nicht nur Räume der Reparatur, sondern auch des Austausches und der Vernetzung für ihre Besucherinnen und Besucher. Nicht selten kommt jemand mit einer defekten Kaffeemaschine oder einem anderen beliebigen Gerät. Der Fokus liegt auf der Reparatur. Nach mehreren Stunden und dem Verlassen des Reparatur-Treffs ist die erfolgreiche gemeinsame Reparatur zu einer schönen und sinnvollen „Nebensache“ geworden. Über das gemeinsame Tätigsein entstehen Freundschaften, werden Ideen ausgetauscht und Netzwerke gebildet. Daher sind Kaffee und Kuchen ebenso wichtiger Bestandteil wie Schraubenzieher und Lötkolben.

Deutschlandweites Netzwerk
Mit der wachsenden Anzahl der Initiativen entstand 2014 das Netzwerk Reparatur-Initiativen. Bundesweite und regionale Treffen fördern den Austausch unter den Projekten über Erfahrungen und Herausforderungen im Alltag. Es bilden sich überregionale Arbeitsgruppen zu Themen wie beispielsweise dem Reparatursiegel für reparaturfreundliche Geräte, Reparaturerfahrungen mit Kindern und Jugendlichen sowie dem gemeinsamen Reparieren mit Geflüchteten. Neben den Vernetzungstreffen ist ein zentraler Knotenpunkt die Online-Plattform www.reparatur-initiativen.de. Bestehende Initiativen können ein Profil anlegen und über ihre Arbeit und die nächsten Termine informieren, Besucherinnen und Besucher finden Reparatur-Initiativen und Veranstaltungen in ihrer Umgebung und für neue Projekte stehen umfassende Materialien kostenlos zur Verfügung.

Umweltpolitische Aktivitäten

Neben der unmittelbaren Vernetzung engagiert sich das Netzwerk in bundesweiten Aktivitäten zur Abfallvermeidung und Stärkung der Reparatur. So beteiligt es sich z. B. an den Abfallvermeidungsdia-logen vom Bundesumweltministerium und dem Bundesumweltamt und ist Mitbegründer vom „Runden Tisch Reparatur“, einem Zusammenschluss von Initiativen aus Umwelt, Wissenschaft, Verbraucherschutz, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Gemeinsam wurde ein Positionspapier verfasst, das aufzeigt, wie Reparatur als wesentliches Element der Ressourcenschonung und des Umweltschutzes konkret vorangetrieben werden kann. So wird neben dem aktiven, im Alltag gelebten Reparieren der Initiativen das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Reparatur auch auf politischer Ebene verfolgt – um auf beiden Wegen das Bewusstsein für die Bedeutung und Notwendigkeit von Reparatur für unsere Umwelt und Gesellschaft zu vergrößern.


Links:

Netzwerk Reparatur-Initiativen
http://www.reparatur-initiativen.de

Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis
http://www.anstiftung.de

Murks? Nein danke!
http://www.murks-nein-danke.de


Buchtipps:

   Andrea Baier u. a.
(Hrsg.)
Die Welt reparieren
Transcript,
Oktober 2016
352 Seiten, 19.99 Euro
978-3-8376-3377-1

Wolfgang M. Heckl
Die Kultur
der Reparatur
Goldmann,
Januar 2015
240 Seiten, 8.99 Euro
978-3-442-17483-6

Stefan Schridde
Murks? Nein danke!
oekom,
September 2014
256 Seiten,
19.95 Euro
978-3-86581-671-9

Christian Kreiß
Geplanter
Verschleiß
Europa, März 2014
240 Seiten,
18.99 Euro
978-3-944305-51-6

Linn Quante

Jahrgang 1984, studierte Kulturarbeit und beschäftigte sich anschließend in verschiedenen Projekten in Berlin, München und Bremen mit den Arbeits- und Lebensbedingungen von Kulturschaffenden und Kreativunternehmen. Seit 2014 ist sie in der „Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis“ für die Koordination des „Netzwerks Reparatur-Initiativen“ zuständig.

 

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