PFAS und TFA: Wasserwerke schlagen Alarm
31. März 2026
Jahrelang wurden PFAS und TFA – Stoffe, die in der Umwelt schlicht nichts verloren haben – legal in deutsche Gewässer eingeleitet. Heute stellt sich die unbequeme Frage: Wie entfernt man Substanzen, die sich hartnäckig anreichern, nicht abgebaut werden und sich mit gängigen Verfahren kaum filtern lassen?
von Thomas Löb
PFAS und TFA gehören zu jenen Chemikalien, die sich unbemerkt in unseren Alltag eingeschlichen haben. PFAS steht für „per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen“, TFA für „Trifluoressigsäure“. PFAS machen Pfannen antihaftend, Outdoor-Kleidung wasserabweisend und Teppiche schmutzresistent; sie stecken in Möbeln, Verpackungen und sogar in bestimmten Feuerlöschschäumen. TFA entsteht teils als Abbauprodukt dieser Stoffe, wird aber auch gezielt in der Pharmaindustrie und als Lösungsmittel eingesetzt.
Deutschland ist europäischer Spitzenreiter bei der PFAS-Produktion, die über 10.000 Substanzen umfasst! 6 Fabriken stehen hierzulande – mehr als in jedem anderen EU-Land. Dazu gehören Solvay in Bad Wimpfen im Landkreis Heilbronn, Daikin in Frankfurt am Main, Lanxess in Leverkusen sowie 3M, Archroma und W. L. Gore im Chemiepark Gendorf im oberbayerischen Chemiedreieck. Dass PFAS gesundheitsschädlich sein können, ist der Industrie seit den 1960er-Jahren bekannt.
Massive Gesundheitsgefährdungen
Sie reichern sich gar im menschlichen Körper an – und das längst in bedenklichem Ausmaß. Bereits 20 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland weisen kritische PFAS-Werte im Blut auf. Die möglichen Langzeitfolgen reichen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Leberschäden bis hin zu einem geschwächten Immunsystem und Unfruchtbarkeit. Die Belastung steigt weiter. Der Freiburger Chemiker Michael Müller dokumentiert eine Verzehnfachung der TFA-Konzentrationen in Weinproben innerhalb von nur 15 Jahren.
Das Problem steht exemplarisch für ein jahrzehntelanges, nahezu blindes Vertrauen in technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum. Was einst als Innovation gefeiert wurde, findet sich heute in Trinkwasser, Nahrung und unseren Körpern wieder. Fachleute warnen seit Jahren: Schäden durch Stoffe wie TFA lassen sich kaum noch rückgängig machen. Technische Lösungen existieren höchstens auf dem Papier – in der Praxis wären sie weder finanziell noch energetisch realisierbar. Während die Industrie lange profitierte, tragen heute Umwelt und Bevölkerung die Last.
Auch die Wasserwerke schlagen Alarm. In den Einzugsgebieten von Bodensee, Rhein und Aare steigen die Belastungen rasant. Am Hochrhein hat sich die TFA-Konzentration innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Rund die Hälfte stammt aus Industrie und Haushalten, der Rest aus der Landwirtschaft. Obwohl TFA in der Umwelt praktisch nicht abgebaut wird, gelangt es weiterhin ungehindert in die Gewässer – und damit dauerhaft ins Trinkwasser. Warum akzeptieren wir das als Gesellschaft so erstaunlich klaglos?
Weitreichende Umweltschäden
Während Behörden mit Leitwerten arbeiten, die Umweltverbände für deutlich zu hoch halten, übernehmen NGOs Aufgaben, die eigentlich staatliche wären: messen, warnen, informieren, Konsequenzen einfordern. Verbindliche Regeln für den Einsatz und die Entsorgung von TFA fehlen bis heute. Lediglich ein gesundheitlicher Leitwert des Umweltbundesamts existiert: 60 µg/L im Trinkwasser.
Vielerorts enthält Regen mittlerweile sogar mehr PFAS, als die EU eigentlich zulässt. Die Stoffe sind so mobil, dass sie selbst in abgelegenen Gebieten wie Tibet oder der Antarktis nachweisbar sind. Während EU-weit über ein umfassendes PFAS-Verbot diskutiert wird, setzt Deutschland weiterhin auf unverbindliche Leitwerte. Die Folgen sind sichtbar: Es ist überall – in Oberflächengewässern, im Grundwasser, in Lebensmitteln. Meeresschaum an Nord- und Ostsee weist Werte auf, die bis zu 4.000-fach über den Grenzwerten anderer Länder liegen.
Schnellstmöglich beschränken!
Prof. Martin Scheringer von der ETH Zürich bringt es auf den Punkt: „Grundsätzlich ist die Freisetzung einer gar nicht abbaubaren Substanz sehr problematisch; salopp gesagt: falsch und dumm.“ Wer heute nicht handelt, zahlt morgen: mit Steuergeld, höheren Wasserpreisen und irreversiblen Schäden an Ökosystemen. Das Muster ist altbekannt: Die Verschmutzung ist billig, die Reinigung teuer. Die Rechnung landet bei der Allgemeinheit.
Die ÖDP fordert deshalb eine schnellstmögliche Beschränkung der gesamten PFAS-Gruppe für alle Anwendungen. Zeitlich befristete Ausnahmen sollte es nur für essenzielle Bereiche geben – verbunden mit einer konsequenten Anwendung des Verursacherprinzips bei der Aufbereitung und Sanierung kontaminierter Wasser und Böden. Notwendig ist eine vorsorgeorientierte Chemikalienpolitik, die Umwelt und Gesundheit schützt, statt Risiken lediglich zu verwalten.
Onlinetipps
Christoph Jehle
TFA: Die Ewigkeitschemikalie im deutschen Trinkwasser
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Alexander Dambach
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www.t1p.de/0entf
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