Wirtschaft & Soziales

„Unser Konsumstreben diente der Arterhaltung“

Diesen Beitrag teilen

Wir Menschen bedienen uns zwar unseres Verstandes, handeln aber sehr oft zutiefst irrational. Denn wir werden von unseren Emotionen gesteuert. Viele sind sehr alt und waren früher zum Überleben notwendig. Heute jedoch haben sie diesen Zweck meist eingebüßt und sind oft kontraproduktiv. Können wir unser Verhalten ändern?

Interview mit Peter Strauß

 

ÖkologiePolitik: Peter Strauß, was hat Sie veranlasst, ein Buch über die ökologische Krise zu schreiben?

Peter Strauß: Es gibt zwar schon viele Bücher über die ökologische Krise, doch hat sich bisher wenig verändert. Vermutlich, weil einige wesentliche Zusammenhänge noch nicht in der öffentlichen Diskussion angekommen sind. Mir begegnen in den Medien immer wieder stereotype Annahmen: Wir brauchen Wettbewerb und Wachstum, diese seien alternativlos. Doch wir leben ja nicht in der besten aller möglichen Welten. Wir leben mit Risiken, die wir uns selbst geschaffen haben und die uns zu entgleiten drohen: Klimakrise, Umweltzerstörung, der Abbau endlicher Ressourcen. Wir gefährden unsere Existenz mit Technologien wie Atomwaffen, künstlicher Intelligenz und Gentechnik. Langfristig bedrohen uns auch große Naturereignisse wie Vulkanausbrüche, Tsunamis oder Meteoriteneinschläge. Allerdings habe ich eher die Befürchtung, dass wir uns aus eigener Kraft auslöschen: Wir entwickeln mit atemberaubender Geschwindigkeit leistungsfähige Technologien – aber unsere mentale Fähigkeit, mit deren Gefahrenpotenzial umzugehen, bleibt dramatisch dahinter zurück. Unsere moralische Reife hält nicht Schritt mit dem technologischen Fortschritt.

Woher kommt unser Streben nach Konsum und Wachstum?

Unser Streben nach Konsum ist in unserer Evolution verwurzelt und zunächst einmal richtig. Es diente der Arterhaltung. Nur hat dieses Streben heute völlig andere Auswirkungen, die die Evolution nicht geplant hat. Damals erschöpften sich Gier und Neid recht schnell, da es nur wenige Zielobjekte dafür gab – meist ging es um Nahrung. In unserer heutigen Überflussgesellschaft wird die Gier nach etwas durch die Werbung ständig aktiviert. Diese wiederum stimuliert den Wettbewerb, der in einem steinzeitlichen Umfeld eine viel geringere Bedeutung hatte. Das ist ein zentrales Thema meines Buches: Wir bringen viele Eigenschaften aus der Evolution mit. Die Intensität von Aggressivität, Wettbewerb oder Individualismus ist in uns für eine steinzeitliche Lebensweise festgelegt worden. Sie wirken sich heute anders aus. Darüber haben wir bisher noch kaum nachgedacht und steuern unsere gesellschaftliche Entwicklung nicht in diesem Sinne: Unser Schiff treibt führerlos auf dem Ozean.

Wann ist Wachstum gut, wann schlecht?

Der Wachstumsbegriff, wie wir ihn verwenden, geht von falschen Annahmen aus. Zunächst einmal wird bei der Bestimmung des Wachstums, also der Veränderung des Bruttoinlandsprodukts, jeglicher Konsum positiv gezählt. Dabei ist es ein großer Unterschied, ob ein Unternehmen in eine neue Maschine investiert oder ob ich einen Autounfall hatte und die Schadensregulierung der Autowerkstatt oder die Behandlung meines gebrochenen Beines dem Krankenhaus einen Umsatz beschert. Der heute übliche Berechnungsmodus unterscheidet nicht nach der Qualität des Konsums. Darüber hinaus werden Verluste an Besitz durch Verschleiß und Wegwerfen nicht vom Bruttoinlandsprodukt abgezogen. Die Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts in Bezug auf unseren Wohlstand ist also geringer als angenommen. Irreführend ist auch unsere Annahme, dass mehr Besitz auch zu mehr Wohlbefinden führt. Ab einem gewissen Besitzstand empfinden wir nicht mehr, dass Mehr-Haben uns subjektiv glücklicher macht.

Warum hat Wirtschaftswachstum immer noch eine so hohe Selbstverständlichkeit?

Es sind viele Mechanismen, die dazu beitragen: Der Wettbewerb zwingt Unternehmen, mit der heutigen Strategie weiterzumachen. Einigen ist klar, dass wir mit Vollgas in die Sackgasse fahren, doch im Wettbewerb verliert der, der zuerst bremst. Weiterhin tragen Lobbyarbeit und die über Jahrzehnte der Stabilität gefestigten Machtstrukturen dazu bei, dass sich wenig ändert. Die Systeme sind durch die Globalisierung, also durch immer weiter gehende Vernetzung, veränderungsresistenter geworden. Das seit Jahrzehnten in der Wirtschaft praktizierte Streben nach Effizienzsteigerung macht Veränderungen schwieriger. Vielen Menschen sind diese Zusammenhänge nicht bekannt oder kaum bewusst. Auch sind viele der drohenden Gefahren heute noch kaum spürbar. Doch wir Menschen lernen nur aus Krisen. Ohne Katastrophe gehen wir schnell zum Alltag über.

Wie lässt sich eine Kurskorrektur einleiten?

Veränderung beginnt immer mit einer Erkenntnis. Und mit der Vorstellung einer anderen, besseren Welt. Warum sind die alten Griechen nicht zum Mond geflogen? Weil ihnen die Erkenntnisse dazu fehlten. Auch waren in ihrer Vorstellung Mond und Sterne kleine Lichter an einer Käseglocke, die sich über der Erdscheibe dreht. Es ist die Vorstellung davon, dass der Mond ein Himmelskörper ist, die ein Mondflugprogramm überhaupt erst denkbar machte. Ich habe das Buch geschrieben, um Erkenntnisse und die Vorstellung einer anderen, besseren Welt zu verbreiten.

Wie lässt sich sicherstellen, dass die Veränderungsdynamik nicht – wie so oft in der Menschheitsgeschichte – verpufft?

Appellieren wir an die Menschen, ihr Verhalten zu ändern, so wird wenig passieren, und die Initiativen laufen sich tot, sobald die Aufforderung verhallt ist. Erkenntnis hingegen ist nachhaltig: Im Mittelalter war eine Mehrheit davon überzeugt, dass es Hexen gibt und dass diese den Menschen Schaden zufügen. In der Folge kam es zu Tausenden von Ermordungen. Heute wissen wir, dass es keine Hexen gibt, und deshalb muss uns auch niemand mehr von der Hexenverbrennung abhalten.

Herr Strauß, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

 


Buchtipp

Peter Strauß
Ende offen
Der Weg des Menschen aus der Steinzeit in die Zukunft
Tredition, März 2020
488 Seiten, 25.00 Euro
978-3-347-02027-6

 


 

About author:-