Interview: „Unser kulturhistorisches Erbe verödet“

Historischer Stadtkern von Nördlingen - Foto: Klaus Leidorf Luftbilddokumentation www.leidorf.de

Die üppige Ausweisung von autogerechten Wohnsiedlungen und Gewerbegebieten zerstört nicht nur unsere Landschaften, sondern hat auch fatale Folgen für unsere historischen Ortskerne: Sie werden als unattraktiv empfunden, entleeren sich zunehmend und verfallen. Ein prominenter Denkmalpfleger schlägt Alarm und fordert ein radikales Umdenken.

ÖkologiePolitik: Herr Prof. Greipl, was haben der Verfall von Baudenkmälern und der Flächenfraß miteinander zu tun?

Prof. Dr. Egon Johannes Greipl: Sie haben gemeinsame Ursachen, sind die Folge von zwei großen Irrlehren, die unsere Zeit prägen: erstens der Glaube an immerwährendes Wachstum. Zweitens der Glaube, dass ein möglichst uneingeschränkter Wettbewerb für das Gemeinwohl am besten ist. Beide Überzeugungen sind zutiefst irrational. Und beiden fehlt es an Sinn für Schönheit und Maß, an Respekt vor den Leistungen vergangener Generationen und an Respekt vor der Natur. Sie sind von Gier getrieben, jagen nur dem schnellen Profit hinterher und zerstören dabei leichtfertig historische Gebäude, Dörfer, Städte, Kulturlandschaften und Natur. Wenn sich Profit machen lässt, dann wird Profit gemacht. In prosperierenden Städten werden historische Gebäude abgerissen oder durch Umbau grotesk entstellt. In weniger prosperierenden ländlichen Gegenden sorgen üppige Neubaugebiete am Ortsrand oder auf der „grünen Wiese“ dafür, dass in den Ortskernen immer mehr Gebäude leer stehen und verfallen. Da ist eine Teufelsspirale in Gang gesetzt worden, die ganze Ortskerne – und damit unser kulturhistorisches Erbe – zunehmend veröden lässt, während sich an den Ortsrändern autogerechte Gewerbegebiete und Wohnsiedlungen in die Landschaft hineinfressen und deren Anmut zerstören.

Seit zwei Jahrzehnten ist es erklärtes politisches Ziel, den Flächenverbrauch in Deutschland auf 30 Hektar pro Tag zu senken. Warum klappt das nicht? Aktuell ist er noch doppelt so hoch.

Und Bayern ist mit über 13 Hektar pro Tag Deutschlands Spitzenreiter – das sind 48 Quadratkilometer pro Jahr. Wie beim Klimaschutz auch, werden die staatlichen Ziele krachend verfehlt und dann einfach aufgegeben, statt Ursachenforschung zu betreiben und eine wirksamere Strategie zu entwickeln. Allerdings ist der hohe Verbrauch an Bodenfläche nicht die Folge eines zentralen staatlichen „Masterplans“, sondern die Folge von vielen Einzelentscheidungen vor Ort, also auf der kommunalpolitischen Ebene. Kaum ein Bürgermeister kennt die Verfahren zur Bewertung der Nachhaltigkeit in Landnutzungsentscheidungen. Kaum ein Bürgermeister kennt die Verfahren zur Erfassung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Folgen von Planungsentscheidungen. Kaum ein Bürgermeister interessiert sich für so etwas. Praktisch nirgendwo gibt es richtungsweisende Beispiele für kommunales Flächensparen. Stattdessen herrscht eine verhängnisvolle Standortkonkurrenz unter den Gemeinden bei der Ansiedlung von Handel und Gewerbe. Es werden viel zu viele und viel zu große Gewerbegebiete ausgewiesen – aber nicht wegen hoher Nachfrage, sondern in der Hoffnung, dass sich da irgendwann einmal Unternehmen niederlassen. Hinzu kommt der Wunsch nach mehr individueller Wohnfläche, was die Kommunen zusätzlich große Einfamilienhaussiedlungen ausweisen lässt. Und das alles wird natürlich autogerecht erschlossen. Auf diese Weise ergibt sich dann in der Summe der gewaltige Flächenfraß. Die Schönheit unserer Heimat zu erhalten, wie es die Bayerische Verfassung eigentlich als Ziel vorgibt, spielt im kommunalpolitischen Alltag praktisch keine Rolle und wird völlig missachtet.

Auf landespolitischer Ebene gibt es aber durchaus Instrumente, mit denen sich steuern ließe – das Landesentwicklungsprogramm beispielsweise.

Die Ende 2017 von der CSU-Mehrheit im Bayerischen Landtag verabschiedete Teilfortschreibung des Landesentwicklungsprogramms verheißt nichts Gutes. Die Leitlinien lauten: Entbürokratisierung, Deregulierung und Kommunalisierung. Inhaltliche Ziele der Landesentwicklung werden gar nicht erst formuliert: weder zu Klimawandel und Energiepolitik noch zu Zersiedlung und Flächenverbrauch, auch nicht zur Land- und Forstwirtschaft, auch nicht zum Natur- und Landschaftsschutz. Stattdessen: Deregulierung – obwohl man deren Folgen in jedem Gewerbegebiet sehen kann. Das sind Orgien von Ressourcenverschwendung und abgrundtiefer Hässlichkeit. Die Schönheit unserer historischen Ortschaften beruhte immer auf klaren Regeln, nicht auf Regellosigkeit. Das ist jedem, der sich mit Baugeschichte befasst hat, bekannt, trotzdem wird von der Politik die Deregulierung immer noch als Leitbild propagiert.

Der neue bayerische Ministerpräsident Markus Söder war in den Jahren 2014 bis 2018 Heimatminister. Was hat er in diesem Amt für Impulse gesetzt?

In seiner bei seinem Amtsantritt im November 2014 gehaltenen Regierungserklärung beschrieb er seine Heimatstrategie: Das waren vor allem Schlagworte und Allgemeinplätze statt Inhalte und Ziele. Was meint er mit „Erhalt einer leistungsfähigen Landwirtschaft als Rückgrat des ländlichen Raumes“ konkret? Heißt das, es soll so weitergehen mit Monostruktur, Bodenerosion, Grundwasserbelastung und Artenschwund, mit Massentierhaltung und Überproduktion, mit Billigexporten in die Dritte Welt, was die dortigen Bauern in den Ruin treibt? Auch Begriffe wie Geschichte, Denkmal, Naturlandschaft, Kulturlandschaft, Öffentlicher Personennahverkehr kamen in der Regierungserklärung nicht vor. Stattdessen: Datenautobahnen, Breitband, BayernLab und e-Government. Das sind sicherlich wichtige Werkzeuge für die Stärkung des ländlichen Raumes, aber es sind eben nur Werkzeuge, keine Ziele. Auch der hohe Flächenverbrauch war in der Regierungserklärung kein Thema. Ganz im Gegenteil: Die Errichtung von Gewerbegebieten und von Tourismus- und Freizeitgroßprojekten soll erleichtert und forciert werden. Und hinter dem Motto „Landesentwicklung entbürokratisieren“ steckt nicht das Ziel, Verfahrensabläufe zu vereinfachen, sondern die Absicht, auf landesplanerische Zielvorgaben zu verzichten. Bürgermeister und gewählte Kommunalpolitiker wüssten besser, was wichtig und richtig ist. Jetzt, als Ministerpräsident, hat sich Söder vom Heimat- und Umweltzerstörungsprojekt am Riedberger Horn angeblich verabschiedet. Dieser Abschied ist gar keiner, und vor allem bedeutet er keinen Gesinnungswandel oder gar ein grundsätzliches ökologisches Bekenntnis zum Schutz der Alpen: Söder hat den Bürgermeistern und dem Landrat aus dem Allgäu mit zig Millionen Euro nur die zehn Jahre abgekauft, welche die Skischaukel bitte noch warten soll. Der wichtigste Teil dieser zehn Jahre aber ist das halbe Jahr bis zu den Landtagswahlen: Nur darum geht es, Söder will die absolute CSU-Mehrheit. Die braucht er nämlich, um umweltpolitisch so weitermachen zu können wie bisher.

Wissen es die Kommunalpolitiker nicht besser, was wichtig ist?

Das Problem ist, dass zwischen den Gemeinden nicht die Kooperation das Handeln bestimmt, sondern die Konkurrenz. Wenn der Blick nur bis zum Tellerrand reicht, dann bleibt das Gemeinwohl meist auf der Strecke. Und das Erschreckende ist, dass dieser Zustand inzwischen als etwas ganz Normales angesehen wird. Auch die regionalen Medien berichten völlig unreflektiert und unkritisch darüber. Niemand denkt in größeren Maßstäben. Niemand vermisst ein räumliches Zukunftsbild unseres Landes. Niemand fordert es ein.

Wie könnte so ein Zukunftsbild aussehen?

Es gilt, historische Denkmäler und Ensembles zu erhalten, das Bestehende qualitätsvoll weiterzuentwickeln, es sorgfältig nachzuverdichten, die Nutzungsvielfalt zu erhöhen, nicht mehr Gebrauchtes wiederzuverwerten – statt immer wieder neue, wertvolle Bodenfläche zu verbrauchen und die Landschaft zu zersiedeln und dauerhaft zu verschandeln. Dazu braucht es aber vonseiten der Landespolitik verbindliche Qualitätsvorgaben, sonst funktioniert das nicht. Und es braucht ressortübergreifende Ansätze, um wieder Leben in sterbende Ortschaften zu bringen. Die Chancen liegen in wirklich aufeinander abgestimmten staatlichen Programmen – vom Denkmalschutz bis hin zur Wirtschaftsförderung. Bei der Energiewende muss das Energiesparen durch Änderungen in den Lebensweisen im Vordergrund stehen, nicht das Befriedigen eines ungebremsten Energiebedarfs auf vorgeblich regenerative Weise, durch ökologische Apparatemedizin. Aufhören muss, wie schon gesagt, der Deregulierungswahnsinn. Regeln gibt es überall, wo es Zivilisation gibt. Regeln sind die Voraussetzung für Zivilisation.

Warum ist der Denkmalschutz so wichtig?

Vor allem aus zwei Gründen: Zum einen, um Schönheit zu retten – gerade angesichts der geballten Hässlichkeit und Peinlichkeiten, die heute in den Gewerbegebieten und Wohnsiedlungen entstehen. „Eine hässliche Umgebung macht auch hässlichere Menschen aus uns“, schreibt der österreichische Fernsehjournalist Tarek Leitner in seiner Streitschrift „Mut zur Schönheit“. Der andere Grund liegt darin, dass die Erinnerung an die Vergangenheit ein wichtiges Korrektiv ist für die Gegenwartsvernarrtheit unserer heutigen Zeit. Das Bewusstsein, Teil einer Kette von Generationen zu sein, die aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft führt, öffnet unseren geistigen Horizont und erinnert uns an unsere Verantwortung: sowohl gegenüber unseren Vorfahren, ohne die wir nicht da wären und nicht die wären, die wir sind, aber auch gegenüber unseren Kindern und Enkeln, denen wir eine offene und lebenswerte Welt hinterlassen müssen. Wer sich heute um die Zeugnisse der Vergangenheit kümmert, steht quer zum Zeitgeist, ist „unzeitgemäß“ – ein sehr verbreitetes Totschlagargument, um jemanden zu disqualifizieren und der Lächerlichkeit preiszugeben. Der amerikanische Schriftsteller T. S. Eliot sprach in diesem Zusammenhang schon 1944 von einer neuen Dimension der Provinzialität: nicht des Raumes, sondern der Zeit. Für diese Gesinnung ist Geschichte nichts weiter als eine Chronik menschlicher Planungen, die der Reihe nach ihre Schuldigkeit getan haben und dann zum alten Eisen geworfen wurden. In dieser Logik gehört die Welt ausschließlich den Lebenden, während die Toten keinen Anteil an ihr haben. Dem möchte ich eine Haltung entgegenstellen, welche die Vergangenheit zur Kenntnis nimmt, sie einbezieht und gewichtet, gleichzeitig aber auf die Zukunft ausrichtet. Die gegenwärtige Praxis, im Namen des schnellen Profits Städte und Landschaften zu zerstören, ist krank. Die müssen wir durch eine Ethik der Verantwortung und verbindliche Gesetze korrigieren. Es reicht jetzt!

Herr Prof. Greipl, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
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Buchtipp

Tarek Leitner
Mut zur Schönheit
Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs
Brandstätter, September 2012
208 Seiten, 17.99 Euro
978-3-85033-659-8
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Links

Vortrag von Egon Johannes Greipl
Flächenfraß, gesichtslose Architektur, seelenlose Dörfer – zerstören wir unsere Heimat?
München, Hochschule für Philosophie
19.02.2018 (ÖDP München)
https://oedp-muenchen.de/aktuelles/unsere-vortraege/

Bayerisches Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat
Landesentwicklungsprogramm Bayern (LEP)
01.09.2013 / 20.02.2018
www.landesentwicklung-bayern.de

Bayerisches Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat
Regierungserklärung „Heimat Bayern 2020“
27.11.2014
http://t1p.de/g3x2
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Prof. Dr. Egon Johannes Greipl

Jahrgang 1948, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Alte Sprachen. Nach seiner Promotion war er für verschiedene Institutionen tätig, leitete von 1989 bis 1993 die Landesstelle für die nicht staatlichen Museen in Bayern, war von 1993 bis 1999 Kulturreferent der Stadt Regensburg und von 1999 bis 2013 Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. 2003 wurde er Honorarprofessor an der Universität Bamberg. Seit 2014 sitzt er für die ÖDP im Passauer Stadtrat.

 

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