Sapere aude!


Ein Gespenst geht um: das Grundeinkommen. So wie ein ins Wasser geworfener Stein Wellen schlägt, bewirkt diese Idee ein Umdenken. Doch in unserer „postfaktischen“ Zeit bestimmen nicht Tatsachen und Argumente den Diskurs, sondern Ideologien und Glaubenssätze. Die Losung der Grundeinkommensbewegten muss deshalb die des großen Aufklärers Immanuel Kant sein: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Seien wir ehrlich: Die allermeisten Menschen leben ein fremdbestimmtes Leben. Zunächst prägen uns die Eltern, dann Schule und Ausbildung. Hier bekommen wir das beigebracht, was mehr anderen als uns selbst zugutekommt. Der vormals freie Bereich der Alma Mater, der Ansatz einer humanistischen Gesamtbildung, ist zu einer Sortieranlage verkommen, die ökonomischen Interessen statt menschlichen Bedürfnissen dient. Diese Verschulung der Universität tötet Utopien, derer wir dringend bedürfen. Sind wir dann in den Hamsterrädern und Tretmühlen der Erwerbsarbeit, geben uns Vorgesetzte und Kunden den Takt vor. Unser Leben wird bestimmt von Renditewünschen und Rentensicherung. Wir führen das Leben, das schon unsere Eltern und Großeltern geführt haben. Es ist nur die Modernität der Gegenstände, die uns einen Wandel vorgaukelt.

Der britische Filmregisseur Stanley Kubrick schuf dafür in seinem berühmten Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ ein starkes Symbol: In der Anfangssequenz bemüht sich ein Urzeitmensch mit einem Oberschenkelknochen ein Tier zu erlegen. Er schlägt so heftig auf es ein, dass ihm der Knochen aus der Hand gleitet, vom Körper des Tiers abprallt und in die Luft fliegt. Schnitt. Ein in seiner Gestalt dem Knochen ähnliches Raumschiff schwebt durchs Weltall. Kubricks Botschaft: Unsere Instrumente haben sich drastisch geändert, nicht aber unser Wesen.

Aufbruch in unentdecktes Land

In Kubricks Film symbolisiert eine tiefschwarze Stele das Ungewohnte, Unbegreifbare, menschlicher Erfahrung Entzogene. Neugierig, wie die Menschen nun mal sind, bemühen sie sich, hinter dieses Mysterium zu kommen, unternehmen außergewöhnliche Anstrengungen, um es zu enträtseln. Philosophisch Bewanderte entdecken Parallelen zu Platons Höhlengleichnis. Wie gelingt es dem Aufgeklärten, die Unmündigen aufzuklären, wenn diese an ihrem Glauben festgekettet sind? Wie gelingt es einem Wissenden, die Ketten der Glaubenden zu lösen? Ein schweres Unterfangen! Das einzige Werkzeug hierfür sind Argumente, ist Aufklärung. Sie muss bei der angeborenen Neugierde Resonanz erzeugen. Wir müssen unsere Welt wieder wie die Kinder betrachten: mit unbändigem Forscherdrang! Wir müssen den Versuch wagen, unsere Utopien als Spielzeug in einem Überraschungsei zu betrachten, das es auszupacken gilt.

Mathematisierung der Welt

Hand aufs Herz: Was bestimmt unser Leben immer mehr? Kalender, Uhren, Tabellen, Rankings, Benchmarks, Castings! Vergleichbarkeit ist angesagt. Nur die schnellsten und besten Hamster überleben. Aber wer definiert die Skalen? Wer bestimmt, ab wann ein Mensch gut genug ist? Bis in den kleinsten Bereich ist unser Dasein analysiert, ist jede Winzigkeit auf ihre Optimierungsmöglichkeit hin durchleuchtet. Effizienz und Perfektion sind das Gebot der Stunde. Wir haben fit zu sein und uns stetig weiterzubilden. The winner takes it all! Ohne Fleiß kein Preis! Wir werden gedrillt zu funktionieren. Das lässt uns den Maschinen ähnlich werden. Und nun haben wir plötzlich den Salat: Wir stehen in Konkurrenz zu wirklichen Maschinen! Wir werden diesen Kampf verlieren – und das ist auch gut so. Lassen wir die Arbeit doch die Maschinen machen und nutzen unsere Zeit für das Eigentliche: für das Leben selbst!

Leben mit Vollkasko

Warum mathematisieren wir unser Leben? Es ist unsere Sucht nach Sicherheit, nach Planbarkeit, unsere Angst vor unliebsamen Überraschungen – ein Relikt aus der Urzeit, als wir viele natürliche Feinde hatten und oft Beute statt Jäger waren. Inzwischen haben wir unser Leben aber auf eine Kulturstufe hin optimiert, die uns mehr Schaden als Nutzen zufügen kann. Rückgängig machen lässt sich diese Entwicklung nicht mehr. Wir müssen damit leben. Aber wie? Haben wir in unserer bisherigen Kulturgeschichte unsere Gerätschaften und Instrumente „verschlimmbessert“, so drohen wir nun selbst zu In-strumenten zu werden: Mittel zum Zweck in einem System, das sich längst nicht mehr mit menschlichen Maßstäben erfassen lässt. Wir sind gut beraten, uns von diesem System zurückzuziehen, um wieder zu uns selbst zu gelangen. Dafür müssen wir die vielen Tretmühlen und Hamsterräder verlassen, um genügend Kraft für das Gehen eigener Wege zu haben.

Ein vorsichtiges Drehen an einigen Stellschrauben genügt nicht. Hier geht es um einen fundamentalen Prozess. Es wird Umbrüche geben, Rückschläge, Irrwege, Irritationen. Damit sich Menschen auf den Weg hin zu einer neuen Kultur und Gesellschaft machen, bedarf es einer Halteleine: Die ist das Grundeinkommen! Nur wer weiß, dass er auf seinem Weg nicht zur Fressbeute wird, findet den Mut, zu Neuem aufzubrechen.

Emanzipation von uns selbst

Es besteht die Gefahr, dass die meisten Menschen das Grundeinkommen nur zur Fortsetzung ihres gewohnten Lebens nutzen wollen. Umso wichtiger ist es, das Instrument „Grundeinkommen“ so zu gestalten, dass es die Menschen motiviert, sich von ihrem bisherigen Lebensstil zu emanzipieren. Deshalb richten sich weite Kreise der gesellschaftlichen Linken auf die sogenannten „emanzipatorischen Grundeinkommensmodelle“ aus und bedienen sich in ihrer Argumentation nur ungern der Sprach- weil Denkregelung des Systems, das sie überwinden wollen. Denn das Grundeinkommen ist nicht das Ziel von Politik, sondern erst deren Beginn!

Das Wort „Politik“ hat seinen Ursprung im antiken Griechenland. „Polis“ bedeutet weit mehr als nur Stadtraum, nämlich: Lebensraum. Eine Polis funktioniert nur, wenn jeder Mensch „bei sich selbst“ ist und keiner Fremdbestimmung unterliegt. Um zu uns selbst zu finden, müssen wir uns zunächst von unserem von außen aufoktroyierten Selbst emanzipieren. Erst dann wird ein Grundeinkommen das bewirken können, was wir von ihm erhoffen: die Rückgewinnung des Humanen!

Jörg Reiners

Jahrgang 1963, arbeitete selbstständig in der Touristikbranche, ging infolge des Terroranschlags 9/11 insolvent, studierte Medienwissenschaft und Philosophie und ist heute als freier Journalist tätig. In der Partei „Die Linke“ ist er Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen in NRW, im parteiunabhängigen Netzwerk Grundeinkommen Mitglied des Netzwerkrats.

 

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