„Ein sozialpsychologischer Großversuch “


Sind die mit dem Grundeinkommen einhergehenden Hoffnungen auf ein entspanntes Leben und auf eine menschlichere Gesellschaft realistisch? Oder drohen Schwierigkeiten, Risiken und Nebenwirkungen, die weit unterschätzt werden?

Interview mit Bernhard Suttner
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ÖkologiePolitik: Herr Suttner, warum sind Sie gegen ein Grundeinkommen?

Bernhard Suttner: Es mag an meinem Alter liegen, dass ich hier skeptisch bin. Ich bin nicht davon überzeugt, dass sich die Vielzahl gesellschaftlicher und individueller Probleme durch eine einzige Maßnahme so einfach lösen lässt. Mich wundert die Karriere der Idee. Und mich wundert noch mehr, dass andere Ideen mit weniger riskanten Eingriffen in die über Jahrtausende gewachsenen Grundstrukturen menschlichen Verhaltens – Selbstverantwortung! Leistungsprinzip! – weit weniger Begeisterung auslösen. Die Forderung nach Bezahlung von tatsächlich geleisteter familiärer Sorge-Arbeit wird ja sogar manchmal geradezu aggressiv bekämpft.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Ich plädiere für ein kreatives Paket ökologisch wirksamer Sozialmaßnahmen innerhalb der bestehenden sozialpsychologischen und ökonomischen Strukturen. An die umfassende Problemlösung des bedingungslosen Grundeinkommens glaube ich nicht. Es lohnt sich weiterhin, kreativ-vielfältig für humanökologische Besserungen einzutreten, aber wir sollten uns nicht auf eine einzige Idee versteifen.

Welche Maßnahmen wären das?

Wer unbedingt bedingungslos Geld unter die Leute bringen will, sollte ein Startkapital für jede legal im Land lebende Person erwägen: eine erste Rate bei Volljährigkeit, weitere Raten nach Abschluss einer Ausbildung und bei der Familiengründung. Für ein „gutes Leben“ förderlich wäre sicherlich ein bezahltes Sabbatjahr für alle Menschen nach etwa zehn Jahren Berufstätigkeit mit einem garantierten Rückkehrrecht in das bestehende Arbeitsverhältnis. Um die Umstrukturierungen, ohne die eine ökologische Wende nicht machbar ist, human zu gestalten, brauchen wir erhebliche Mittel für die soziale Absicherung und die Umschulung vieler Menschen. Vor allem von Kohleabbau und Kohleverbrennung „leben“ aktuell noch ganze Regionen – für die braucht es Perspektiven für die Zeit während und nach dem Kohleausstieg. Ein anderes großes Umweltproblem ist der motorisierte Individualverkehr. Der ließe sich durch einen kostenlosen ÖPNV deutlich reduzieren, was gleichzeitig auch das Menschenrecht auf Mobilität für arme Menschen sicherstellt. Oder nehmen wir die Landwirtschaft: Deren Industrialisierung ist ökologisch und global-sozial hochproblematisch, deshalb sollte sie auf ökologische Arbeitsweise umgestellt werden – um die Umwelt zu schonen, die Nahrungsqualität zu steigern und die Überschussexporte in Entwicklungsländer zu senken. Dafür brauchen die Landwirte finanzielle Anreize und langfristige Existenzsicherungsverträge. Und wenn wir die weltweite Armut reduzieren wollen, braucht es einen globalen Mindestlohn von 1,50 US-Dollar pro Stunde in allen Ländern, die am Weltmarkt teilnehmen. Diese Forderung lässt sich über Fair-Handelsabkommen durchsetzen. Mehr Verteilungsgerechtigkeit bedeutet immer auch mehr Frieden! Dieser humanökologische Ideenkatalog lässt sich bestimmt noch um viele weitere sinnvolle Maßnahmen erweitern. Allen diesen Maßnahmen gemeinsam ist: Sie hätten klar definierte sozial-ökologische Wirkungen und setzen nicht auf hoffentlich eintretende positive Verhaltensweisen oder gar auf einen „neuen Menschen“.

Schließt das eine das andere aus? Warum nicht die eben skizzierten Maßnahmen und ein Grundeinkommen realisieren?

Wünschen kann man sich viel, aber alle Maßnahmen müssen ja auch irgendwie finanziert werden. Zwar wären alle meine Vorschläge durchaus kostenintensiv, aber keiner, ja, nicht einmal alle zusammen würden einen weiteren Bundeshaushalt beanspruchen, wie das beim Grundeinkommen der Fall wäre. Man sollte sich vor Augen halten: Ein Grundeinkommen in Deutschland braucht 800 Mrd. Euro pro Jahr, nach Abzug der dadurch wegfallenden Sozialleistungen und Bürokratiekosten immer noch gut 500 Mrd. Euro. Das ist ein zweiter Bundeshaushalt! Ein zweiter Bundeshaushalt lässt sich nicht mit einer höheren Energiesteuer und durch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer herbeizaubern! Wo soll das Geld herkommen?

Mal angenommen, es fände sich eine überzeugende Lösung für die Finanzierung. Wären Sie dann für ein Grundeinkommen?

Wohl eher nicht. Ich halte das Grundeinkommen für einen sozialpsychologischen Großversuch. Es geht um die Frage: Lässt sich menschliche Gesellschaft nicht doch ohne Leistungsanreize denken und organisieren? Die Befürworter der Grundeinkommensidee nehmen optimistisch an, dass sich die Menschen immer Erfahrungen positiver Selbstwirksamkeit suchen und verschaffen werden, selbst wenn der Notwendigkeitsimpuls der alltäglichen Daseinssicherung weggefallen ist. Das ist eine riskante Annahme. Sie wird auf einen Teil der Menschen ganz bestimmt zutreffen. Ein anderer Teil wird womöglich auf sinnvoll-selbstwirksame Tätigkeit verzichten. Sollte dieser Teil groß oder sehr groß sein, hätten wir eine dramatische Veränderung unserer Kultur in Richtung „Brot und Spiele“ zu erwarten. „Brot und Spiele“ war die Forderung des Volkes in der verfallenden römischen Republik. „Brot und Spiele“ hieß auch das Programm der römischen Macht-Elite, mit dem man die Beteiligung des Volkes an den Entscheidungen verhinderte!

Herr Suttner, herzlichen Dank für das interessante Gespräch! 

Bernhard Suttner

Bernhard Suttner

Jahrgang 1949, studierte Politikwissenschaft, Pädagogik sowie Christliche Gesellschaftswissenschaften und arbeitete anschließend als freiberuflicher Referent in der Erwachsenenbildung. 1978 gehörte er zu den Gründern der „Grüne Aktion Zukunft“, verließ diese 1980 wieder und gründete 1982 die ÖDP mit. Von 1991 bis 2011 war er Landesvorsitzender der ÖDP Bayern. Seit 2011 ist er ihr Fachbeauftragter für Grundsatzfragen.

 

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