Interview: „Die Motivation vieler Fake-News-Anbieter ist wirtschaftlich“

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Bei der Brexit-Entscheidung und im Wahlkampf von Donald Trump haben die Sozialen Netzwerke angeblich eine wichtige Rolle gespielt. Welche? Wie verändern sich politische Meinungsbildungsprozesse durch sie? Um diese und ähnliche Fragen wissenschaftlich zu erforschen, wurde vor wenigen Jahren eine neuartige Hochschule für Politik ins Leben gerufen.

ÖkologiePolitik: Herr Prof. Pfeffer, warum hat die Technische Universität München eine eigene Hochschule für Politik?

Prof. Dr. Jürgen Pfeffer: Die Hochschule für Politik an der Technischen Universität München hat vor allen Dingen eines zum Ziel: Politikwissenschaft und Technik miteinander zu verbinden. Im Mittelpunkt steht die Ausrichtung auf die Wechselwirkungen zwischen Politik, Gesellschaft und Technik. Der rasante technologische Wandel verändert nicht nur unsere Gesellschaft in vielen Bereichen, sondern fordert auch die Politik und die Politikwissenschaft heraus. Denken Sie beispielsweise an den möglichen Einfluss der Sozialen Netzwerke auf das Wahlverhalten der Bevölkerung, an Social Bots, an Fake News oder an die Menge an Daten, die wir aufgrund der technischen Möglichkeiten heute sammeln und auch auswerten können.

Desinformation ist ja etwas, was von der Politik seit jeher betrieben wird. Was ist heute neu?

Stimmt, gelogen haben die Menschen immer. Neu sind vor allem zwei Aspekte. Der erste Aspekt ist die Geschwindigkeit: News und auch Fake News können sich heute in Minutenschnelle im ganzen Land oder auch über den gesamten Planeten verbreiten. Der zweite Aspekt ist die Personalisierung: Die Bevölkerung wird seit jeher gerne in Zielgruppen eingeteilt, weil man weiß, dass man beispielsweise mit Älteren anders kommunizieren sollte als mit Jüngeren. Aus diesem Grund entwerfen politische Parteien verschiedene Forderungen und Werbungen für unterschiedliche Bildungsschichten etc. Neu ist jetzt, dass aufgrund der Informationen, die über uns im Internet, z.B. in Sozialen Medien, zu finden sind, die Zielgruppen immer kleiner und genauer definiert werden. Am Ende ist dann jede Person ihre eigene „Zielgruppe“ und erhält exakt auf sie zugeschnittene Werbung. Und natürlich kann genauso gut auch Desinformation auf sie zugeschnitten werden. Noch ein weiterer Aspekt darf jedoch nicht übersehen werden: Die Motivation vieler Fake-News-Anbieter und Bot-Betreiber ist wirtschaftlich. Wenn Millionen Menschen eine Geschichte im Internet lesen, dann werden dort auch Millionen von Werbungen angezeigt – und der Betreiber der Seite verdient dadurch Zehntausende Euros.

Wie groß ist in Deutschland die Gefahr, dass Wahlen durch Hacker und Desinformationskampagnen entscheidend beeinflusst werden?

Die Einflussmöglichkeiten von Hackern sind überschaubar, solange Wahlen hauptsächlich mit Papier und Kugelschreiber durchgeführt werden. Wenn allerdings Entscheidungen vollständig oder teilweise mithilfe von Wahlautomaten oder e-Voting durchgeführt werden, dann lassen sich Manipulationen nie gänzlich ausschließen. Den Ausgang einer Wahl in Deutschland direkt zu manipulieren, kann aktuell also so gut wie ausgeschlossen werden. Indirekte Manipulation durch eine Beeinflussung von Wahlberechtigten findet jedoch sehr wohl statt. Das beginnt mit der „normalen“ politischen Werbung von den zur Wahl antretenden Parteien. Leider sehen wir aber auch immer mehr gezielte Desinformation, mit der beispielsweise gegen bestimmte Gesellschaftsgruppen gehetzt wird. Solche Geschichten können zu einer Polarisierung beitragen und damit natürlich auch indirekt Auswirkungen auf das Wahlverhalten haben.

Wie kann sich unsere Gesellschaft vor Manipulationen schützen? Wie der einzelne Bürger?

Für den Einzelnen ist es wichtig, ein Bewusstsein darüber zu entwickeln, dass nicht jede auf Facebook verbreitete Geschichte stimmt. Genauso wenig, wie jedes Gerücht wahr ist, das wir am Arbeitsplatz oder in einer Bar oder sonst wo hören. Zudem muss man sich darüber klar sein, dass im Internet nicht nur Menschen aktiv sind. Das, was den Anschein erweckt, als würde es von vielen Menschen geteilt werden, kann auch bloß das Ergebnis einer geschickten Manipulation sein. Genau wie im richtigen Leben, müssen wir uns auch im Internet erarbeiten, welchen Quellen wir vertrauen können und woher wir unsere Informationen beziehen. Und im Zweifelsfall sollten wir lieber ein wenig skeptisch sein.

Im Moment wird stark über negative Folgen bzw. Probleme der Digitalisierung gesprochen. Was sind denn positiv gesehen die Möglichkeiten?

Das Internet und da speziell die Sozialen Medien wie Facebook und Twitter sind an sich eine tolle Sache. Wir können uns Informationen direkt aneignen, wir können uns weltweit mit Menschen verbinden und private Kontakte auf anderen Kontinenten aufrechterhalten. Das eröffnet uns eine Vielzahl an Möglichkeiten. Wir haben jedoch, als Einzelne und als Gesellschaft, noch einiges zu lernen, um die negativen Seiteneffekte dieser Technologien besser in den Griff zu bekommen. Aber ich bin da sehr zuversichtlich.

Herr Prof. Pfeffer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

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Prof. Dr. Jürgen Pfeffer

Jahrgang 1976, studierte Informatik und arbeitete anschließend in Beratungsunternehmen und Forschungseinrichtungen. Nach seiner Promotion in Wirtschaftsinformatik war er an einer US-amerikanischen Universität tätig. Seit März 2016 ist er Professor for Computational Social Science & Big Data der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München.

 

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